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Die Domorgel

Aus: URANIA. Eine musikalische Zeitreise 1851

Zeichnung von der Domorgel
Zeichnung von der Domorgel

Im Jahre 1844 wurde der hiesige Orgelbaumeister Friedrich Wäldner sen. beauftragt, einen Kostenanschlag zu einer gründlichen und umfassenden Reparatur der alten, im Jahre 1667 erbauten Domorgel einzureichen. Da indeß die Kosten einer Reparatur, besonders durch die später geforderte Verwandlung des Chortones in den Kammerton, und die dadurch nöthig  werdenden neuen Windladen, sehr bedeutend waren, so zog man es vor: den Rath des Herrn Musikdirektor und Domorganisten August Gottfried Ritter in Magdeburg (damals in Merseburg) zu befolgen, und lieber eine neue Orgel bauen zu lassen.

Es wurde deßhalb von Wäldner der Kostenanschlag zu einer neuen Orgel nach der von Ritter aufgestellten Disposition eingefordert, 1847 genehmigt, und von dem Sohne und Bruder Wäldners für den Preis von 3620 Thaler ausgeführt und im Mai 1851 vollendet.

Disposition der Orgel

Hauptwerk
1.  Prinzipal 16’ von engl. Zinn im Prospekt
2.  Prinzipal 8’ von 12löthigem Zinn
3.  Viola di Gamba 8’ desgl.
4.  Hohlflöte 8’ von Holz
5.  Rohrflöte 8’ von 12löthigem Zinn
6.  Gedaktquinte 5a’ desgl.
7.  Prinzipal 4’ desgl.
8.  Rohrflöte 4’ desgl.
9.  Quinte 2b’ desgl.
10. Prinzipal 2’ desgl.
11. Mixtur 2fach aus 2’ Ton desgl.
12. Cornet 4fach desgl.
13. Trompete 8’, Körper von 12löthigem Zinn, Kehlen, Bläser und Krücken von Messing

Oberwerk
14. Bordun 16’ von Holz
15. Geigen-Prinzipal 8’ von 12löthigem Zinn
16. Salizional 8’ desgl.
17. Gedakt 8’ desgl.
18. Flauto traverso 8’ von Tannenholz
19. Flauto amabile 4’ desgl.
20. Geigen-Prinzipal 4’ desgl.
21. Salizional 4’ desgl.
22. Gedakt 4’ desgl.
23. Spitzflöte 2’ desgl.
24. Scharf 4fach in 12' desgl.      

Pedal
25. Untersatz 32’ von Holz
26. Prinzipalbaß 16’ desgl.
27. Violonbaß 16’ desgl.
28. Subbaß 16’ desgl.
29. Rohrquinte 10b’ desgl.
30. Gedaktbaß 8’ desgl.
31. Prinzipalbaß 8’ von 12löthigem Zinn
32. Prinzipalbaß 4’ desgl.
33. Posaune 16’ desgl. durchschlagend       

Nebenzüge
1.  Manualkoppel
2.  Pedalkoppel
3.  Ventil zum Hauptwerk
4.  Ventil zum Oberwerk
5.  Ventil zum Pedal
6.  Calkantenklingel

Einweihung

Der hier wiedergegebene Artikel aus einer Fachzeitschrift für Organisten berichtet über die Einweihung der hallischen Domorgel im Jahr 1851; dessen Verfasser, Samuel Leberecht Thieme, war Organist an der Marktkirche von 1835 bis 1880.

Am 22. Mai 1851 wurde nun die neue Orgel von Herrn Ritter einer Prüfung unterworfen, und als Resultat derselben folgendes amtliche Urtheil von ihm abgegeben:

Ich muß die von dem Herrn Orgelbaumeister Wäldner gebaute Orgel für ein wohlgelungenes, in einzelnen Parthien sogar für ein vorzügliches Werk erklären. Der Ton der einzelnen Stimmen ist ihrem Charakter angemessen und gleichmäßig; der Klang des vollen Werkes kräftig und glänzend, dabei der Kirche angemessen und das Einzelne zu einem Ganzen in Wahrheit vereinigend.

Die technische Arbeit macht den Eindruck des Soliden. Die innere Einrictung zeigt von der Einsicht wie von der Geschicklichkeit des Erbauers

Vorstehendem Urtheile des Herrn Revisors aus voller Überzeugung beistimmend kann auch Referent den Herrn Orgelbauer Wäldner jun. in Halle als einen eben so geschickten als gewissen- haften Künstler in seinem Face bestens empfehlen. Derselbe hat jetzt das Geschäft, seines seit einigen Jahren durch eine Lähmung an der Ausübung desselben behinderten Vaters auf eigene Rechnung und Verantwortung übernommen.

Zugleich spricht Referent Herrn Ritter im Namen der Halleschen Kunstfreunde seinen Dank für den wahrhaft schönen und erhebenden Genuß aus, den derselbe nach beendeter Revision uns durch sein meisterhaftes Orgelspiel gewährte, und die Orgel, durch seine Kunst zu registrieren, sowohl in ihrer Mannigfaltigkeit an schönen und lieblichen Stimmen, als auch in ihrer majestätischen Kraft produzierte. Außer einigen sehr gelungenen freien Phantasien über verschiedene Choräle, erfreute er uns besonders noch durch den Vortrag einer Fuge von Krebs und einer Toccata von J. S. Bach. Nicht leicht möchte Ritters Virtuosität von einem andern Orgelspieler übertroffen werden.

L. Thieme, Organist an der Haupt- und Oberpfarrkirche zu U. L. Frauen in Halle. 

Mehr zur Orgelgeschichte bis heute


August Gottfried Ritter (1811-1885) wirkte als einer der erfolgreichsten Organisten seiner Zeit in Erfurt, Merseburg und Magdeburg. Er war nicht nur Orgelvirtuose, sondern wirkte als Komponist, dessen Orgelsonaten heute wieder häufig zu hören sind, er verfaßte als Musikhistoriker eine umfangreiche und bedeutende Geschichte der Orgelmusik, wozu er eine mehrbändige Notensammlung mit historischen Beispielen herausgab, er war Orgelpädagoge, verfaßte ein Lehrwerk über „Die Kunst des Orgelspiels”, das jahrzehntelang immer wieder aufgelegt wurde, und er galt schließlich auch, wie der Artikel zeigt, als Orgelsachverstäniger und Orgelrevisor.

Friedrich Wilhelm Wäldner (geb. 1785 in Olbersleben - gest. 1852 in Halle/S.) führte eine Orgelbauwerkstatt in Hale und besaß seit 1815 das hallische Bürgerrecht. Er baute zahlreiche Orgeln in der näheren Umgebung Halles, die teilweise noc vorhanden sind, die Domorgel aber wurde seine größte. Für das 19. Jahrhundert sind Wäldner-Orgeln in ihrer klassischen Bauweise die bedeutendsten  dieser Region neben den Orgeln Friedric Ladegast, die sich überwiegend im Merseburger und Weißenfelser Raum vorfinden.

Sein Sohn, August Ferdinand Wäldner (1817-1905), führte die Orgelbauwerkstatt seines Vaters fort. Der Vertrag über die Domorgel, der 1847 von Vater und Sohn Wäldner unterzeicnet wurde, sah die Fertigstellung für 1849 vor. Der Abschluß der Bauarbeiten verzögerte sic infolge der Kränklichkeit des alten Wäldner, aber auch dadurch, daß 1848 einige der tüctigsten Arbeiter zum Militärdienst eingezogen wurden. So war der Neubau erst am 14. April 1851 abgeschlossen. Zur Orgel gehörten fünf Bälge, die in der Bälgekammer unter der Orgelempore aufgestellt wurden. Die Orgel wurde laut einer Kgl. Verfügung von 1845 in den Kammerton der preußischen Hofkapelle gestimmt.

Die durchweg traditionelle Bauweise, bestehend in mechanischer Schleiflade und mechanischem Registerwerk, gibt der – im Verhältnis zum großen Kirchenraum – bescheidenen mittelgroßen Orgel von 33 klingenden Registern einen grundsoliden und robusten Charakter, der sie wesentlich unanfällig gegenüber technischen Störungen macht. Sie weist noch keine der für das 19. Jahrhundert typischen neuen technischen Erfindungen auf, die den Orgelbau in Deutschland in der weiteren Entwicklung grundlegend und um 1910 krisenhaft veränderten. 

Bis 1911, als das Register Salizional 8’ durc eine Aeoline 8’ und wahr- scheinlich auch zur selben Zeit die Trompete und die Posaune durch entsprechende neue Register von dem Orgelbauer Wilhelm Rühlmann ausgewechselt wurden, blieb die Domorgel unverändert. 1917 mußten die Prospektpfeifen, wie überall sonst in Deutschland, für Kriegszwecke abgeliefert werden und wurden 1922 durch glanzlose Zinkpfeifen von Rühlmann ersetzt.

Nach 1935, einer Zeit, als die Orgelbewegung mit ihren antiromantischen Affekten vorherrschte, wurde der Ruf nach einer neuen Orgel laut. Ein umfangreicher Aktenbefund liegt darüber im Domarchiv vor. Der Zustand der Wäldner-Orgel wird als „unbeschreiblich schlecht” bezeichnet. Die Möglichkeit eines Neubaus wurde aber aus finanziellen Gründen wieder verworfen, und es wurden die Orgelbaufirmen Rühlmann, Sauer, Hammer und Kemper um Besuch gebeten und Kostenvoranschläge von ihnen für einen Umbau angefordert. Darin werden weitgehende Veränderungen unterbreitet, unter denen – für diese Zeit selbstverständlich – ein elektrischer Spieltisch nicht fehlt.Weitere Gutachten werden von damals bekannten Fachleuten angefordert. In allen Projekten geht es nicht nur um eine Umdisponierung, wie sie in jenen und den folgenden Jahren sehr verbreitet vorgenommen wurde, sondern um eine umfassende Erweiterung der Domorgel auf drei Manuale durch Zusatz eines Rückpositivs in die Emporenbrüstung. Diese weitausgreifenden Pläne, die bei einer Realisierung den Charakter der Wäldner-Orgel gänzlich verändert hätten, werden zwar bis zum Ausbruch des Krieges 1939 weiter diskutiert, schließlich aber resigniert auf Eis gelegt bis zur Beendigung des Krieges.

1946 wurde die Angelegenheit wieder aufgegriffen, wobei aber alle kostenaufwendigen großen Projekte – als unausführbar – völlig fallengelassen wurden. Von da an bis 1956 wurden Eingriffe in die Disposition der Orgel vorgenommen mit der Absicht, dieser romantischen Orgel barocke Klangeigenschaften zu verschaffen, wie sie der Zeitgeist verlangte. Dabei wurden nicht nur originale Pfeifenreihen Wäldners umgebaut oder entfernt und durch neue ersetzt, sondern etliche wurden zwischen Hauptwerk und Oberwerk lediglich ausgewecselt und umbenannt. Außerdem wurde der Pedalumfang erweitert, was den Einbau einer anderen Pedalklaviatur und zusätzlicher Pfeifen erforderlich machte. Weil an einen Neubau der Pedalwindladen nicht zu denken war, wurden die zusätzlichen Pfeifen auf problematische Weise zwischen die originalen Pfeifen gedrängt.

Da aber alle diese durch die Ideologie der Orgelbewegung inspirierten Umbauten, die zudem auf eine nicht handwerksgemäße, sondern auf dilettantische Art vorgenommen wurden, klanglich höchst unbefriedigend ausfielen, sollen die Veränderungen, die zum Überfuß noch 1972 mit zwei Registern fortgesetzt wurden, für die Zukunft nicht konserviert werden. Das in den Fünfzigerjahren angestrebte Ideal einer Orgel, auf der man „Orgelliteratur aus allen Jahrhunderten” spielen könne, kann heute nicht mehr aufrecht erhalten bleiben. Da auch im Laufe der Zeit zudem Schäden an der Orgel durch normalen Verschleiß, Feuchtigkeit, Verschmutzung und andere Ursachen eingestellt haben, ist seit längerem ein Zustand erreicht, der die Orgel zwar trotzdem noch eingeschränkt spielbar bleiben läßt, der aber dringend einer Restaurierung bedarf.

Restaurierung der Domorgel

Eine solche Restaurierung kann nur verantwortlich durchgeführt werden, wenn sie auf die Rückführung zum originalen Zustand der Wäldner-Orgel von 1851 zielt, ein kostenaufwendiges Projekt, das übereinstimmend mit dem Landesamt für Denkmalpflege Sachsen-Anhalt von der ev.-reformierten Domgemeinde, die Eigentümerin der Orgel ist, angestrebt wird. Von keiner Seite liegen alternative Vorschläge für die Domorgel vor, vielmehr wird das Restaurierungsvorhaben als ein Projekt von überregionaler und landesweiter Bedeutung durch das Landesamt für Denkmalpflege eingeschätzt. Die Entwicklung des heutigen Orgelbaus hat durch jahrzehntelange Erfahrungen bei Restaurierungen historischer Orgeln einen Entwicklungsstand erreicht, der hierfür beste Voraussetzungen schafft.

Die Disposition der Domorgel seit 1972

HAUPTWERK
Prästant 16’
Prinzipal 8’
Gamba 8’
Rohrflöte 8’
Oktave 4’
Kleingedackt 4’
Quinte 2 2/3‘
Oktave 2’
Spitzflöte 2’
Terz 1 3/5 ‘
Buntzimbel 3fach Mixtur 5fach
Trompete 8’   

OBERWERK
Quintatön 16’
Hohlflöte 8’
Gedackt 8’
Engprinzipal 4’
Rohrflöte 4’
Holznasat 2 2/3’
Prinzipal 2’
Quinte 1 1/3’
Sifflöte 1’
Scharff 4fach
Krummhorn 8’

PEDAL
Prinzipalbaß 16’
Subbaß 16’
Oktavbaß 8’
Gedacktbaß 8’
Choralbaß 4’
Baßflöte 2’
Hintersatz 4fach
Posaune 16’
Rankett 16’

Die Nebenzüge blieben in ihren Funktionen unverändert. Ein zusätzlich eingebauter Tremulant für das Oberwerk hat offenbar noch nie funktioniert. Die ausgewechselte Pedalklaviatur verhindert, daß die Spielschranktüren vollständig geschlossen werden können. Die in die Registerzüge befestigten Schilder aus handbeschriftetem Porzellan wurden 1972 entfernt und durch Schilder aus Kunststoff ersetzt.

KMD Prof.Konrad Brandt im Oktober 1999 

Domorgel 2007
Domorgel 2007

Spenden für die Orgelrestaurierung

Die Ev.-ref. Domgemeinde zu Halle hat die Verantwortung für die sachgerechte Restaurierung der Wäldner-Orgel übernommen. Sobald die baulichen Verhältnisse im Dom es zulassen (Beendigung der staubintensiven Arbeiten) will die Domgemeinde mit der gründlichen Instandsetzung der Orgel beginnen. Die Orgelbauwerkstatt Kristian Wegscheider (Dresden) soll die Arbeiten vornehmen.

Nach einer ersten vorläufigen Schätzung werden sich die Kosten der Restaurierung auf mindestens EUR 150.000 belaufen - für die kleine reformierte Domgemeinde ein nicht eben geringer Betrag. So bleibt die Gemeinde darauf angewiesen, daß ihr freundliche Zuwendungen weiterhelfen. Die Spenden sind steuerlich absetzbar. Sie können eingezahlt werden auf das

Konto der Ev.-ref. Domgemeinde Halle
Nr.383 010 935 bei der Stadt- und Saalkreissparkasse Halle,
Bankleitzahl 800 537 62.

Auskunft erteilen gern:

KMD Konrad Brandt (Organist der Domgemeinde)
Kirchberg 5
06120 Halle, Tel.: 0345 - 5 50 71 43

Gemeindebüro der Ev.-ref. Domgemeinde Halle
Kleine Klausstraße 6
06108 Halle, Tel.: 0345 - 202 13  79

Domprediger Pfarrer Martin Filitz
Kleine Klausstraße 6
06108 Halle, Tel.: 0345 - 2 02 13 59

Domfenster
                                                                                                                                                        
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